Erwachsene erkälten sich im Durchschnitt zwei- bis viermal pro Jahr [1]. Kopfschmerzen, eine laufende Nase und Husten gehören dann zur Tagesordnung. Du kennst es wahrscheinlich selbst. Um die Symptome zu lindern, greifen viele dann gerne zu Medikamenten, wie Paracetamol oder Grippostad C. Aber wie sieht es eigentlich mit pflanzlichen Mitteln aus? Kann Cannabis bei einer Erkältung helfen? Dieser Frage gehen wir in unserem Artikel nach.
Das Wichtigste in Kürze
- Bestimmte Cannabinoide wie CBD zeigen in Studien Potenzial bei Symptomen wie Schlafproblemen, Schmerzen und Entzündungen – direkte Studien zu Erkältungen fehlen jedoch bislang [2][3][4].
- Rauchen ist bei Halsentzündungen nicht ratsam, da Rauch die gereizten Schleimhäute zusätzlich belasten kann.
- Wer Cannabis bei einer Erkältung ausprobieren möchte, sollte auf rauchfreie Einnahmeformen wie CBD-Öl, Cannabis-Tee oder essbare Produkte zurückgreifen.
- Bei Fieber oder schweren Symptomen gilt: Zuerst ärztlichen Rat einholen.
Wie entsteht eine Erkältung und was hat Cannabis damit zu tun?
Über 200 verschiedene Viren können eine Erkältung auslösen [1], Rhinoviren sind dabei am häufigsten. Die Erreger gelangen über Tröpfchen in der Luft oder kontaminierte Oberflächen in den Körper. Kälte allein macht nicht krank – sie begünstigt lediglich die Übertragung.
Der Verlauf ist meist ähnlich:
- Inkubationszeit (1–2 Tage): Keine Symptome, aber das Immunsystem arbeitet bereits
- Akutphase (2–3 Tage): Laufende Nase, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit
- Spätphase (ab Tag 7–8): Symptome klingen ab, das Immunsystem gewinnt die Oberhand
- Schwere Verläufe: Sinusitis, Halsentzündung oder Mittelohrentzündung können hinzukommen
Genau bei diesen Symptomen setzt die Frage an, ob Cannabis bei Erkältung unterstützend wirken kann – etwa bei Schmerzen, Schlafproblemen oder Entzündungen.
Hilft Cannabis bei einer Erkältung?
Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Eine Erkältung heilt nicht von heute auf morgen – Du musst sie und ihre Symptome im Wesentlichen aussitzen. Bestimmte Mittel können den Prozess erleichtern: abschwellende Nasentropfen, Schmerzmittel, Antibiotika oder Mikronährstoffe wie Vitamin C, Zink und Vitamin D.
Ob Cannabis dabei eine sinnvolle Ergänzung sein kann, hängt von der Einnahmeform und den jeweiligen Symptomen ab. Es gibt bislang keine klinischen Humanstudien, die Cannabis speziell bei Erkältungen untersuchen. Neuere Laborstudien liefern jedoch erste Hinweise auf antivirale und immunmodulierende Eigenschaften von CBD und Terpenen – ob und wie diese Effekte beim Menschen wirken, ist noch nicht belegt [5][6].
Cannabis und Schlaf bei Erkältung
Ein häufiges Leiden bei Erkältungen ist Schlafmangel. Husten, verstopfte Nase und das allgemeine Krankheitsgefühl machen das Einschlafen schwer. Eine 2017 im Current Psychiatry Reports veröffentlichte Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass Cannabis die Einschlafzeit verkürzen kann [2].
Allerdings zeigen Langzeitdaten auch, dass regelmäßiger Cannabiskonsum die Schlafqualität langfristig beeinträchtigen kann. Bei einer akuten Erkältung und gelegentlicher Anwendung ist das Risiko geringer, aber zu beachten.
Cannabis bei Erkältungsschmerzen
Kopf- und Gliederschmerzen gehören zu den häufigsten Erkältungssymptomen. Eine 2007 im European Journal of Pharmacology veröffentlichte Tierstudie zeigte, dass CBD entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken kann [3]. Da es sich dabei um eine Tierstudie handelt, lassen sich die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragen. Weitere Studien deuten auf eine Wirksamkeit von Cannabis bei neuropathischen Schmerzen hin, besonders die Kombination aus CBD und THC zeigte sich vielversprechend. Spezifische Studien zu Erkältungsschmerzen fehlen jedoch.
Entzündungshemmende Wirkung von Cannabis
Bei einer Erkältung reagiert das Immunsystem mit einer Entzündungsreaktion in den oberen Atemwegen. Diese Reaktion ist gewollt: Sie verbessert den Transport weißer Blutkörperchen zu den befallenen Geweben. Eine 2019 in Frontiers in Pharmacology veröffentlichte Übersichtsarbeit belegt entzündungshemmende Eigenschaften von Cannabinoiden [4].
Eine 2024 im Journal of Herbal Medicine veröffentlichte In-vitro-Studie (Chatow et al.) untersuchte erstmals gezielt, wie CBD in Kombination mit Terpenen gegen humane Coronaviren und Influenza-A-Viren wirkt. Die Kombination zeigte sowohl entzündungshemmende als auch direkt antivirale Effekte und war wirksamer als CBD allein [5]. Da es sich um eine Zellkulturstudie handelt, lassen sich die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragen. Sie sind aber ein erster konkreter Hinweis darauf, dass Cannabinoide und Terpene gemeinsam gegen Atemwegsviren wirken könnten.
Eine 2023 im International Journal of Molecular Sciences veröffentlichte Übersichtsarbeit (Baban et al.) zeigt zudem: CBD wirkt immunmodulierend. Es kann also je nach Dosis und Kontext sowohl entzündungsfördernd als auch entzündungshemmend wirken [6]. Das macht pauschale Empfehlungen schwierig und unterstreicht, wie wichtig die richtige Dosierung ist.
Hier liegt jedoch ein zentrales Problem: Entzündungen sind bei einer Erkältung kein Fehler des Körpers, sondern Teil der Abwehr. Wer diese Reaktion dämpft, könnte den Heilungsprozess verlangsamen. Ob das bei Cannabis tatsächlich so ist, ist wissenschaftlich nicht belegt – es bleibt eine plausible Überlegung, die weiterer Forschung bedarf.
Wichtig: Nordleaf stellt für Dich den Kontakt zu einer Ärztin oder einem Arzt her. Gemeinsam prüft ihr dann, ob Du für eine Cannabis-Therapie infrage kommst. Solltest Du allerdings gerade an einer Erkältung leiden, können wir Dir kein Cannabis-Rezept ausstellen.
Cannabis bei Fieber – was ist zu beachten?
Fieber ist eine aktive Schutzreaktion des Körpers: Die erhöhte Temperatur hemmt die Vermehrung von Viren. Ziel ist es, die Temperatur unter 39 °C zu halten und ausreichend zu trinken. Steigt das Fieber auf über 39 °C oder hält es länger als drei Tage an, solltest Du ärztlichen Rat einholen.
Einige Tierversuche deuten darauf hin, dass Cannabinoide fiebersenkende Eigenschaften haben könnten. Belastbare Studien am Menschen fehlen jedoch. Cannabis bei Fieber einzusetzen, ist daher wissenschaftlich nicht ausreichend begründet und könnte die natürliche Immunantwort beeinträchtigen. Sprich im Zweifelsfall mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Rauchen ist tabu – welche Einnahmeformen von Cannabis sind bei Erkältung sinnvoll?
Wenn Dein Hals schmerzt und die Schleimhäute gereizt sind, solltest Du auf das Rauchen von Cannabis verzichten. Rauch trocknet die Schleimhäute aus, reizt die Atemwege und kann Halsschmerzen verschlimmern. Das gilt auch für Tabak. Das ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme: Eine Tierstudie zeigte, dass Cannabis-Rauch bei einer Influenza-Infektion die Viruslast in der Lunge erhöhte und die Anzahl weißer Blutkörperchen senkte [7]. Auch wenn Tierstudien nicht direkt auf den Menschen übertragbar sind, stützt dieser Befund die Empfehlung klar.
Wer dennoch Cannabis bei einer Erkältung ausprobieren möchte, kann auf rauchfreie Konsumformen zurückgreifen:
- CBD-Öl: Einfach zu dosieren, wirkt systemisch
- Cannabis-Tee: Wärmend, schonend für die Schleimhäute; allerdings mit einem Vorbehalt: Eine 2024 in Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology veröffentlichte Studie (Sønderskov et al.) zeigte, dass Cannabis-Tee stark schwankende Cannabinoid-Mengen enthält – je nach Zubereitung, Ausgangsmaterial und Ziehzeit. Terpene fehlen im Tee nahezu vollständig [8]. Die tatsächliche Wirkstoffmenge ist also kaum planbar.
- Essbare Produkte (Edibles): Kein Rauch, längere Wirkdauer
- Vaporizer: Schonender als Rauchen, aber bei Halsreizung trotzdem mit Vorsicht zu genießen
Beachte: Auch bei diesen Einnahmeformen gilt, dass die Wirkung individuell unterschiedlich ist und keine therapeutische Wirkung bei Erkältungen wissenschaftlich belegt ist.
Vor- und Nachteile von Cannabis bei Erkältung im Überblick
Mögliche Vorteile:
- Kann das Einschlafen erleichtern und die Schlafqualität kurzfristig verbessern [2]
- CBD zeigt in Studien schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften [3][4]
- CBD hat antioxidative Eigenschaften, die oxidativen Stress im Körper reduzieren können [4]
Mögliche Nachteile und Risiken:
- Rauchen reizt Atemwege und Schleimhäute – bei Erkältung kontraindiziert
- THC-haltige Produkte können Benommenheit, Schwindel oder Angstzustände auslösen
- Cannabis kann mit bestimmten Medikamenten interagieren – bei gleichzeitiger Einnahme von Schmerzmitteln oder anderen Arzneimitteln ärztlichen Rat einholen
- Die entzündungshemmende Wirkung könnte die natürliche Immunantwort des Körpers beeinträchtigen
- Erhöhte Schleimproduktion in den Bronchien möglich
Was sagt die Wissenschaft zu Cannabis bei Erkältung? Aktuelle Studienlage
Die Forschung zu Cannabis bei Erkältungen hat in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen – auch wenn klinische Humanstudien weiterhin fehlen. Was vorliegt, sind Laborstudien und Übersichtsarbeiten, die ein differenzierteres Bild zeichnen als noch vor wenigen Jahren:
- CBD und Terpene zeigen in Zellkulturexperimenten antivirale Wirkung gegen Coronaviren und Influenzaviren [5]
- CBD wirkt immunmodulierend – mit dosisabhängigen Effekten, die sowohl entzündungshemmend als auch entzündungsfördernd sein können [6]
- Cannabis-Rauch kann bei Atemwegsinfektionen die Viruslast erhöhen [7]
- Cannabis-Tee enthält stark schwankende Wirkstoffmengen und kaum Terpene [8]
Das Gesamtbild: Cannabis hat nachweislich Eigenschaften, die bei einzelnen Erkältungssymptomen relevant sein könnten. Ob diese Effekte beim Menschen klinisch bedeutsam sind, bleibt offen. Wer Cannabis bei einer Erkältung einsetzt, tut das auf Basis von Laborhinweisen – nicht auf Basis belegter klinischer Wirksamkeit.
Häufige Fragen zu Cannabis bei Erkältung
Kann ich Cannabis bei Erkältung legal konsumieren?
Ja. Seit dem Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) am 1. April 2024 dürfen Erwachsene in Deutschland bis zu 25 Gramm Cannabis in der Öffentlichkeit und bis zu 50 Gramm zu Hause besitzen [9]. Der Konsum ist legal, sofern die gesetzlichen Regelungen eingehalten werden. Medizinisches Cannabis erhältst Du über eine ärztliche Verordnung.
Welche CBD-Produkte eignen sich bei Erkältung am besten?
Bei einer Erkältung empfehlen sich rauchfreie Produkte: CBD-Öl lässt sich gut dosieren und wirkt systemisch. Cannabis-Tee ist schonend für die Schleimhäute und hat zusätzlich einen wärmenden Effekt. Essbare Produkte sind ebenfalls eine Option, wirken aber verzögert.
Kann Cannabis bei Erkältung das Immunsystem beeinflussen?
Das Endocannabinoid-System spielt eine Rolle bei der Immunregulation. Cannabinoide können entzündungshemmend wirken [4] – was bei einer Erkältung sowohl hilfreich als auch kontraproduktiv sein kann, da Entzündungen Teil der körpereigenen Abwehr sind. Eindeutige Aussagen lässt die aktuelle Studienlage nicht zu.
Ist Cannabis bei Erkältung mit Fieber sicher?
Vorsicht ist geboten. Fieber ist eine Schutzreaktion des Körpers. Ob Cannabis diese Reaktion beeinflusst, ist wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht. Bei Fieber über 39 °C oder länger als drei Tagen solltest Du ärztlichen Rat einholen und Cannabis in dieser Phase eher meiden.
Kann ich bei Erkältung ein Cannabis-Rezept bei Nordleaf bekommen?
Nein. Nordleaf stellt den Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten her, die prüfen, ob eine Cannabis-Therapie für Dich geeignet ist. Bei einer akuten Erkältung wird kein Cannabis-Rezept ausgestellt. Sobald Du wieder gesund bist, kannst Du den Prozess starten.
Quellen:
[1] Stiftung Gesundheitswissen: Erkältung – Hintergrund. https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/erkaeltung/hintergrund
[2] Babson, K. A. et al. (2017): Cannabis, Cannabinoids, and Sleep: a Review of the Literature. Current Psychiatry Reports, 19(4), 23. https://link.springer.com/article/10.1007/s11920-017-0775-9
[3] Costa, B. et al. (2007): The non-psychoactive cannabis constituent cannabidiol is an orally effective therapeutic agent in rat chronic inflammatory and neuropathic pain. European Journal of Pharmacology, 556(1–3), 75–83. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S001429990601257X
[4] Atalay, S. et al. (2019): Antioxidative and Anti-Inflammatory Properties of Cannabidiol. Antioxidants, 9(1), 21. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31861459/
[5] Chatow, L. et al. (2024): Terpenes and cannabidiol against human corona and influenza viruses – Anti-inflammatory and antiviral in vitro evaluation. Journal of Herbal Medicine, 44, 100852. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2215017X2400002X
[6] Baban, B. et al. (2023): Effects of Cannabidiol on Innate Immunity: Experimental Evidence and Clinical Relevance. International Journal of Molecular Sciences, 24(4), 3125. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36834736/
[7] Medical News Today (2019): Smoking weed with a cold: Is it good or bad? https://www.medicalnewstoday.com/articles/326487
[8] Sønderskov, M. B. et al. (2024): Medicinal cannabis tea contains variable doses of cannabinoids and no terpenes. Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology, 135(3), 334–344.
[9] Konsumcannabisgesetz (KCanG) vom 27. März 2024 (BGBl. 2024 I Nr. 109), geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 20. Juni 2024 (BGBl. 2024 I Nr. 207). https://www.gesetze-im-internet.de/kcang/
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