Migräne ist mehr als ein starker Kopfschmerz. Wer regelmäßig Attacken erlebt, kennt das Muster: pochender Schmerz, oft einseitig, begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit, manchmal stundenlang, manchmal tagelang. Viele Betroffene probieren im Laufe der Zeit verschiedene Medikamente aus, weil Standardtherapien nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden [1].
Dieser Artikel erklärt, was die Forschung bisher zeigt, wie Cannabis im Körper wirkt und bei Migräne helfen könnte, welche Produkte es gibt und wie Du in Deutschland ein Cannabis-Rezept bei Migräne erhältst.
Das Wichtigste in Kürze
- Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die das Endocannabinoid-System beeinflusst – ein möglicher Ansatzpunkt für cannabisbasierte Therapien [2].
- Eine randomisiert-kontrollierte Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass inhaliertes Cannabis Migräneattacken effektiver verkürzte als ein Placebo [3].
- Die Gesamtevidenz ist noch begrenzt: Viele Studien sind klein oder methodisch eingeschränkt. Medizinisches Cannabis ist bei Migräne kein Mittel der ersten Wahl.
- Cannabis-Öl bei Migräne (CBD-haltige Produkte) wird häufig zur Vorbeugung eingesetzt, die Datenlage dazu ist jedoch noch dünn [4].
- In Deutschland kann ein Arzt oder eine Ärztin Cannabis bei Migräne verschreiben, wenn Standardtherapien nicht ausreichen oder nicht vertragen werden [5].
Migräne und das Endocannabinoid-System
Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Netzwerk aus Rezeptoren, das unter anderem an der Schmerzwahrnehmung, der Entzündungsregulation und der Stimmung beteiligt ist. Die Wirkstoffe von Cannabis, vor allem THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol), binden an Rezeptoren dieses Systems [2].
Bei einer Migräneattacke weiten sich Blutgefäße im Gehirn, Nervenendigungen werden gereizt, und der Körper schüttet Botenstoffe wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) aus. Das löst den typischen pochenden Schmerz aus. Das Endocannabinoid-System kann in diesen Prozess eingreifen, weil seine Rezeptoren unter anderem in schmerzverarbeitenden Hirnregionen und an Blutgefäßen sitzen [2].
Forschende vermuten, dass ein Ungleichgewicht im Endocannabinoid-System an der Entstehung von Migräne beteiligt sein könnte. Diese Hypothese wird als „Clinical Endocannabinoid Deficiency" (klinischer Endocannabinoid-Mangel) bezeichnet und ist Gegenstand laufender Forschung [6]. Belegt ist diese Hypothese bisher nicht, sie liefert aber eine biologisch plausible Grundlage für mögliche Wirkansätze.
Was sagen Studien zu Cannabis bei Migräne?
Die Studienlage zu Cannabis bei Migräne hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, bleibt aber insgesamt noch überschaubar.
Übersichtsarbeiten: Hinweise auf weniger Attacken
Eine systematische Übersichtsarbeit wertete 12 Publikationen mit insgesamt 1.980 Patient:innen aus. Das Ergebnis: Wer Präparate mit THC und CBD einnahm, hatte an weniger Tagen pro Monat Migräneattacken [1]. Die Autoren betonten jedoch, dass die Qualität der eingeschlossenen Studien unterschiedlich war und weitere kontrollierte Studien notwendig sind.
Erste randomisiert-kontrollierte Studie (2024)
Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Studie aus Kalifornien, die 2024 auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology vorgestellt wurde. 92 Migräne-Patient:innen nahmen teil. Das Ergebnis: Inhaliertes Cannabis verkürzte akute Migräneattacken effektiver als ein Placebo. Sowohl die Kombination aus THC und CBD als auch THC allein zeigte dabei eine Wirkung [3].
Die Studie ist ein wichtiger Schritt, weil randomisiert-kontrollierte Studien zu Cannabis bei Migräne bisher selten waren. Gleichzeitig handelt es sich um einen Preprint, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vollständig peer-reviewed war. Die Ergebnisse sind daher als vielversprechend, aber noch nicht abschließend zu bewerten.
Präklinische Daten zu CBD
Zwei präklinische Studien aus dem Jahr 2023 untersuchten die Wirkung von CBD in Tiermodellen für akute und chronische Migräne. Die Ergebnisse deuteten auf schmerzlindernde und entzündungshemmende Effekte hin [4]. Präklinische Daten lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen, liefern aber Hinweise auf mögliche Wirkmechanismen.
Fazit zur Evidenzlage: Die Forschung zeigt erste positive Signale, aber keine gesicherte Wirksamkeit. Medizinisches Cannabis bei Migräne ist kein Ersatz für etablierte Therapien, kann aber für bestimmte Patienten eine Option sein, wenn andere Behandlungen nicht ausreichen.
Cannabis-Öl bei Migräne: Was ist damit gemeint?
Cannabis-Öl bei Migräne fasst meist zwei verschiedene Produkttypen zusammen:
- CBD-Öle (ohne THC): Diese Produkte sind frei verkäuflich und enthalten Cannabidiol, das nicht psychoaktiv wirkt. Sie werden von manchen Betroffenen zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt. Die wissenschaftliche Evidenz für diese Anwendung ist bisher gering [4].
- Medizinische Cannabis-Extrakte (mit THC): Diese Produkte sind verschreibungspflichtig, enthalten THC in standardisierter Dosierung und werden über Apotheken abgegeben. Sie kommen bei Migräne nur dann infrage, wenn eine ärztliche Indikation vorliegt.
Wichtig: Frei verkäufliche CBD-Produkte sind keine Arzneimittel und unterliegen nicht den gleichen Qualitätsstandards wie medizinisches Cannabis aus der Apotheke.
Cannabis bei Migräne verschreiben lassen: So funktioniert es in Deutschland
Seit dem 1. April 2024 ist medizinisches Cannabis in Deutschland kein Betäubungsmittel mehr. Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen, mit Ausnahme von Zahn- und Tiermedizin, dürfen es auf einem regulären Rezept (Muster 16 oder eRezept) verordnen [5].
Bei Nordleaf kannst Du direkt eine Ärztin oder einen Arzt für Cannabis-Rezepte finden und den Prozess online starten.
Wann ist ein Cannabis-Rezept bei Migräne möglich?
Ein Cannabis-Rezept bei Migräne kommt in Betracht, wenn:
- Standardtherapien (z. B. Triptane, Betablocker, Topiramat) nicht ausreichend gewirkt haben oder nicht vertragen wurden,
- eine begründete Einschätzung der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes vorliegt, dass Cannabis die Symptome spürbar verbessern kann,
- keine medizinischen Gegenanzeigen bestehen (z. B. Psychosen in der Vorgeschichte, Schwangerschaft, schwere Herzerkrankungen) [5].
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für medizinisches Cannabis nicht automatisch. Vor der ersten Verordnung ist in der Regel ein Antrag bei der Krankenkasse erforderlich. Seit einem G-BA-Beschluss vom Juli 2024, der im Oktober 2024 in Kraft trat, entfällt dieser Genehmigungsvorbehalt für Erstverordnungen durch Fachärzt:innen mit bestimmten Qualifikationen – etwa in Neurologie oder Schmerzmedizin [7]. Privatversicherte sollten die Bedingungen ihrer Versicherung prüfen.
Mögliche Nebenwirkungen von Cannabis bei Migräne
Medizinisches Cannabis ist kein Mittel ohne Risiken. Mögliche Cannabis-Nebenwirkungen umfassen:
- Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen
- Mundtrockenheit
- Erhöhte Herzfrequenz
- Bei regelmäßigem Konsum: Abhängigkeitspotenzial, insbesondere bei THC-haltigen Produkten
- Psychische Effekte wie Angst oder Paranoia, besonders bei hohen THC-Dosen [6]
Wer Cannabis bei Migräne in Betracht zieht, sollte dies immer in Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt tun.
FAQ: Cannabis bei Migräne
Wie schnell wirkt Cannabis bei einer Migräneattacke?
Das hängt von der Anwendungsform ab. Inhaliertes Cannabis wirkt in der Regel innerhalb weniger Minuten, weil die Wirkstoffe direkt über die Lunge ins Blut gelangen. Extrakte oder Kapseln brauchen länger, bis zu einer Stunde oder mehr. Für die akute Attacke wird deshalb in Studien häufig die Inhalation untersucht [3].
Kann ich Cannabis bei Migräne auch über Telemedizin verschreiben lassen?
Ja. In Deutschland dürfen approbierte Ärztinnen und Ärzte medizinisches Cannabis auch per Videosprechstunde oder Online-Fragebogen verordnen, wenn die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind. Das Rezept wird dann digital ausgestellt und direkt an eine Apotheke weitergeleitet [5].
Kann ich Cannabis-Öl bei Migräne ohne Rezept kaufen?
CBD-Öle ohne THC sind in Deutschland frei verkäuflich und rezeptfrei erhältlich. Sie gelten rechtlich nicht als Arzneimittel. Medizinisches Cannabis mit THC ist dagegen verschreibungspflichtig und nur über Apotheken mit gültigem Rezept erhältlich [5].
Welche Anwendungsform ist bei Migräne sinnvoll?
Das hängt vom Ziel ab. Zur akuten Linderung einer Attacke wird häufig inhalatives Cannabis eingesetzt, da es schnell wirkt. Zur Vorbeugung kommen Extrakte oder Kapseln infrage. Die geeignete Form und Dosierung legen die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest.
Gibt es Gegenanzeigen für Cannabis bei Migräne?
Ja. Cannabis sollte nicht eingesetzt werden bei:
- Psychosen oder Schizophrenie in der Vorgeschichte
- Schwangerschaft und Stillzeit
- schweren Herzerkrankungen
- Minderjährigen
Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich [6].
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Cannabis bei Migräne?
Nicht automatisch. Ein Antrag bei der Krankenkasse ist in der Regel erforderlich. Seit Oktober 2024 entfällt dieser Schritt für Erstverordnungen durch bestimmte Fachärzte, etwa in Neurologie oder Schmerzmedizin [7]. Die Genehmigung hängt im Einzelfall davon ab, ob andere Therapien nicht ausreichend gewirkt haben.
Quellen
[1] Aviram J, Samuelly-Leichtag G (2022): Efficacy of Cannabis-Based Medicines for Pain Management: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Journal of Pain Research, 15, S. 1657–1679. DOI: https://doi.org/10.2147/JPR.S349065
[2] Stiftung Gesundheitswissen: Cannabis – Wissenswertes zu Wirkung und Anwendung. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/cannabis
[3] Schuster NM et al. (2024): Vaporized Cannabis versus Placebo for Acute Migraine: A Randomized Controlled Trial. medRxiv (Preprint). DOI: https://doi.org/10.1101/2024.02.16.24302843
[4] Sturaro C. et al. (2023): Preclinical effects of cannabidiol in an experimental model of migraine. Pain, 164(9), S. 2088–2100. PMID: 37027449. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37027449/
[5] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Medizinisches Cannabis. Online verfügbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/_node.html
[6] Bundesgesundheitsministerium: Informationen zu Cannabis. Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/suche?q=cannabis
[7] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Beschluss vom 18. Juli 2024 – Änderung der Arzneimittel-Richtlinie: Cannabis. Online verfügbar unter: https://www.g-ba.de/beschluesse/6437/
Bilder:
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