Einige Erwachsene mit ADHS fragen sich, ob medizinisches Cannabis eine Option für sie sein könnte – besonders dann, wenn Standardmedikamente nicht ausreichend wirken oder Nebenwirkungen den Alltag belasten. Die Frage ist berechtigt. Die Antwort ist komplex.
Dieser Artikel fasst zusammen, was die Wissenschaft bisher weiß, wie eine Verschreibung in Deutschland funktioniert und worauf Du achten solltest.
Das Wichtigste in Kürze
- ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die auf Störungen im Dopamin- und Noradrenalin-Haushalt zurückgeführt wird. Sie betrifft schätzungsweise zwei bis sechs Prozent der Kinder und bleibt bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen [1].
- Standardtherapie bei Erwachsenen sind laut S3-Leitlinie Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin, ergänzt durch Psychotherapie [2].
- Medizinisches Cannabis ist in Deutschland seit dem Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG, 2024) leichter verschreibbar. ADHS ist keine offiziell zugelassene Indikation, ein Einsatz im Einzelfall ist aber möglich [3].
- Die Studienlage zu Cannabis bei ADHS ist begrenzt. Erste Hinweise auf mögliche Effekte auf Unruhe und Impulsivität existieren, belastbare Belege fehlen bisher [4].
- Für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Psychose-Risiko oder Suchterkrankungen gilt Cannabis als kontraindiziert [5].
- Eine ärztliche Begleitung ist bei jeder Cannabistherapie zwingend erforderlich.
Was ist ADHS?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Es handelt sich um eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich in drei Kernsymptomen zeigt: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die Ausprägung variiert stark. Manche Betroffene kämpfen vor allem mit Konzentrationsproblemen, andere mit innerer Unruhe oder dem Gefühl, Gedanken nicht bremsen zu können.
ADHS ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. Schätzungen zufolge liegt die Erblichkeitsrate bei bis zu 80 Prozent [6]. Auf neurobiologischer Ebene spielen Störungen im Dopamin- und Noradrenalin-System eine zentrale Rolle. Diese Botenstoffe regulieren Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle. Wenn ihr Gleichgewicht gestört ist, fällt es schwerer, Reize zu filtern, Aufgaben zu priorisieren und Handlungen zu steuern.
In Deutschland sind schätzungsweise zwei Millionen Erwachsene von ADHS betroffen [1]. Viele erhalten die Diagnose erst im Erwachsenenalter, weil die Störung im Kindesalter übersehen wurde oder sich die Symptome erst mit steigenden Anforderungen im Berufs- und Privatleben deutlich zeigen.
Wie wird ADHS heute behandelt?
Die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen ist laut der deutschen S3-Leitlinie multimodal. Das bedeutet: Medikamente und psychotherapeutische Maßnahmen werden kombiniert [2].
Medikamentöse Therapie von ADHS
Erstlinientherapie bei Erwachsenen ist Methylphenidat, bekannt unter Handelsnamen wie Ritalin oder Medikinet. Methylphenidat wirkt, indem es die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn hemmt, wodurch sich die Konzentration und Impulskontrolle verbessert. Wenn Methylphenidat nicht ausreichend wirkt, kommen Lisdexamfetamin (Elvanse) oder Atomoxetin infrage [2].
Psychotherapie und Psychoedukation
Kognitive Verhaltenstherapie hilft Betroffenen, Alltagsstrategien zu entwickeln, Strukturen aufzubauen und mit den Folgen der Störung umzugehen. Psychoedukation, also das gezielte Informieren über das Störungsbild, ist ein wichtiger Bestandteil jeder Behandlung.
Nicht alle Betroffenen sprechen auf Standardmedikamente an. Manche vertragen sie schlecht, andere erleben nur eine unzureichende Wirkung. Genau hier entsteht das Interesse an alternativen oder ergänzenden Ansätzen, darunter medizinisches Cannabis bei ADHS.
Warum wird Cannabis bei ADHS diskutiert?
Der Ausgangspunkt ist das Endocannabinoid-System. Dieses körpereigene System besteht aus Rezeptoren, die über das gesamte Nervensystem verteilt sind und an der Regulierung von Stimmung, Aufmerksamkeit, Schlaf und Stressreaktionen beteiligt sind. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei ADHS eine Fehlregulation in diesem System vorliegen könnte. Ein bestimmter Rezeptor dieses Systems, CB1 (auch Cannabinoid-1-Rezeptor genannt), scheint dabei eng mit dem Dopamin-System zusammenzuspielen, das bei ADHS gestört ist [7].
THC (Tetrahydrocannabinol) bindet an CB1-Rezeptoren und beeinflusst die Dopaminausschüttung im Gehirn. Da ADHS mit einem Dopaminmangel in bestimmten Hirnregionen in Verbindung gebracht wird, liegt die Überlegung nahe, dass THC dieses Defizit teilweise ausgleichen könnte – eine Theorie, die bislang aber nicht ausreichend belegt ist. CBD (Cannabidiol) wirkt auf anderem Weg: Es hat keine psychoaktive Wirkung, zeigt aber in Studien angstlösende und beruhigende Eigenschaften [8].
Hinzu kommt ein praktischer Befund: Viele Menschen mit ADHS berichten, dass sie Cannabis zur Selbstmedikation einsetzen. Dieses Phänomen ist gut dokumentiert und hat die wissenschaftliche Aufmerksamkeit erst auf das Thema gelenkt [4].
Was sagen die Studien zu Cannabis bei ADHS?
Die Forschungslage ist überschaubar. Es gibt nur einige wenige Studien zu (medizinischem) Cannabis bei ADHS.
Pilotstudie 2017 (Cooper et al.)
Eine britische randomisierte kontrollierte Studie untersuchte 30 Erwachsene mit ADHS über sechs Wochen. Eine Gruppe erhielt das Cannabinoid-Spray Sativex, das THC und CBD zu gleichen Teilen enthält, die andere ein Placebo. Die Behandlungsgruppe zeigte eine leichte Verbesserung bei Hyperaktivität und Impulsivität sowie Hinweise auf eine bessere kognitive Leistung. Die Studie war zu klein, um allgemeingültige Schlüsse zu ziehen [4].
Systematische Übersichtsarbeit 2023 (Dhamija et al.)
Eine Analyse von 20 Studien kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis bei ADHS weiterhin nicht ausreicht. Die Autor:innen betonen, dass größere, methodisch robustere Studien fehlen, um belastbare Empfehlungen aussprechen zu können [9].
Fallberichte 2022 (Mansell et al.)
Drei Fallberichte aus Kanada beschreiben Erwachsene mit ADHS, die nach dem Einsatz von medizinischem Cannabis eine subjektive Verbesserung ihrer Symptome berichteten und ihre reguläre Medikation reduzieren konnten. Fallberichte liefern keine Kausalbelege, können aber Hypothesen für weitere Forschung liefern [10].
Fazit zur Studienlage: Es gibt erste Hinweise, aber keine ausreichende Evidenz. Medizinisches Cannabis bei ADHS ist kein etablierter Therapiestandard. Wer es in Betracht zieht, sollte das in ärztlicher Begleitung tun.
Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es bei Cannabis für ADHS?
Cannabis ist kein risikofreies Mittel. Das gilt besonders für Menschen mit ADHS, die statistisch häufiger zu Substanzkonsum neigen als die Allgemeinbevölkerung [5].
Bekannte Risiken bei Cannabiskonsum:
- Abhängigkeitspotenzial: Regelmäßiger Cannabiskonsum kann zu einer Abhängigkeit führen. Das Risiko steigt bei frühem Beginn und hohem THC-Gehalt.
- Kognitive Effekte: THC kann das Arbeitsgedächtnis und die Reaktionszeit beeinträchtigen. Da diese Funktionen bei ADHS ohnehin eingeschränkt sind, ist das besonders relevant.
- Psychose-Risiko: Hohe THC-Dosen können bei genetisch vorbelasteten Personen psychotische Episoden auslösen oder verstärken. Wer eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte von Psychosen hat, sollte Cannabis meiden [5].
- Langzeiteffekte: Langfristiger Konsum kann die Dopaminregulation weiter beeinträchtigen und damit dem eigentlichen Ziel der ADHS-Behandlung entgegenwirken [11].
Kontraindikationen:
Cannabis ist bei ADHS kontraindiziert für:
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
- Schwangere und Stillende
- Personen mit Psychose-Erkrankungen oder entsprechendem Risiko
- Personen mit aktiver Suchterkrankung
- Personen mit schweren Herzerkrankungen
Kann medizinisches Cannabis bei ADHS verschrieben werden?
In Deutschland ist ADHS keine offiziell zugelassene Indikation für medizinisches Cannabis. Es gibt also keine standardisierte Zulassung für diesen Einsatz. Ärztinnen und Ärzte können Cannabis jedoch im Rahmen eines individuellen Heilversuchs verschreiben, wenn andere Therapien nicht ausreichend gewirkt haben oder nicht vertragen wurden [3].
Seit Inkrafttreten des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG) im April 2024 ist der Zugang einfacher geworden: Die frühere Genehmigungspflicht durch die Krankenkassen entfällt für bestimmte Arztgruppen. Die Kosten übernehmen gesetzliche Krankenkassen deshalb aber nicht automatisch. Eine Einzelfallprüfung ist in der Regel notwendig [3].
Wie läuft eine Verschreibung ab?
- Ärztliches Gespräch und Diagnosestellung
- Prüfung, ob Standardtherapien ausgeschöpft wurden
- Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
- Ausstellung eines Rezepts durch eine zugelassene Ärztin oder einen zugelassenen Arzt
- Ausgabe über eine Apotheke mit zertifiziertem Produkt
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FAQ zu Cannabis bei ADHS
Hilft Cannabis bei ADHS wirklich?
Die Forschung zeigt erste Hinweise auf mögliche Effekte bei Hyperaktivität und Impulsivität. Belastbare Belege für eine allgemeine Wirksamkeit fehlen bisher. Eine ärztliche Begleitung ist unbedingt erforderlich.
Kann ich als Erwachsener mit ADHS medizinisches Cannabis verschrieben bekommen?
Ja, im Rahmen eines individuellen Heilversuchs ist das möglich, wenn andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben. ADHS ist keine offiziell zugelassene Indikation. Ärztinnen und Ärzte können Cannabis dennoch verschreiben [3].
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Cannabis bei ADHS?
Nicht automatisch. Gesetzliche Krankenkassen prüfen jeden Fall einzeln. Eine Kostenübernahme ist möglich, aber nicht garantiert. Privatversicherte haben oft bessere Chancen auf Erstattung.
Ist Cannabis für Kinder mit ADHS geeignet?
Nein. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist Cannabis kontraindiziert. Das sich noch entwickelnde Gehirn reagiert besonders empfindlich auf THC [5].
Kann Cannabis die ADHS-Medikamente ersetzen?
Das ist nach aktuellem Forschungsstand nicht belegt. Cannabis wird allenfalls als ergänzende Option diskutiert, nicht als Ersatz für etablierte Therapien.
Welche Cannabinoide sind bei ADHS relevant?
THC beeinflusst die Dopaminausschüttung und kann beruhigend wirken. CBD zeigt angstlösende Eigenschaften und könnte Begleiterkrankungen wie Angststörungen positiv beeinflussen. Beide Wirkstoffe sollten nur unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden [8].
Wie hoch ist das Abhängigkeitsrisiko?
Menschen mit ADHS haben statistisch ein erhöhtes Risiko für Substanzabhängigkeiten. Regelmäßiger Cannabiskonsum kann dieses Risiko zusätzlich erhöhen. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung ist daher besonders wichtig [5].
Quellen
[1] Stiftung Gesundheitswissen: Cannabis – Wissenswertes zu Wirkung und Anwendung. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/cannabis
[2] Gesundheitsinformation.de (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG): Behandlung von ADHS bei Erwachsenen. Online verfügbar unter: https://www.gesundheitsinformation.de/behandlung-von-adhs-bei-erwachsenen.html
[3] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Medizinisches Cannabis. Online verfügbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/_node.html
[4] Cooper, R. E. et al. (2017): Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial. European Neuropsychopharmacology. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28576350/
[5] Gujska, J. H., Silczuk, A., Madejek, R. & Szulc, A. (2023): Exploring the Link Between Attention-Deficit Hyperactivity Disorder and Cannabis Use Disorders: A Review. Medical Science Monitor, 29. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/
[6] Bundesgesundheitsministerium: Informationen zu ADHS. Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/suche?q=adhs
[7] Brunkhorst-Kanaan, N., Karabatsiakis, A., Sartorius, A. (2019): Endocannabinoidsystem und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Fortschritte der Neurologie-Psychiatrie.
[8] European Union Drugs Agency (EUDA): Cannabis – Drug profile. Online verfügbar unter: https://www.euda.europa.eu/publications/drug-profiles/cannabis_en
[9] Dhamija, D. et al. (2023): Evaluation of Efficacy of Cannabis Use in Patients With Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37503496/
[10] Mansell, H. et al. (2022): Cannabis for the Treatment of Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Report of 3 Cases. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35224434/
[11] Hanfverband Deutschland: Informationen zu Cannabis und Gesundheit. Online verfügbar unter: https://hanfverband.de/




