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Du liest: Cannabis bei chronischen Schmerzen: Was Du wissen solltest

Wer mit chronischen Schmerzen lebt und bei dem klassische Medikamente nicht ausreichend wirken, fragt sich irgendwann: Gibt es noch andere Optionen? Medizinisches Cannabis kann bei Schmerzen eine Lösung sein. Seit 2017 ist es in Deutschland verschreibbar, seit April 2024 auf normalem Rezept. Was die Cannabis-Schmerztherapie leisten kann, für wen sie infrage kommt und was sie kostet, erfährst Du hier.

Das Wichtigste in Kürze

  • Medizinisches Cannabis kann bei bestimmten chronischen Schmerzen die Beschwerden lindern, ist aber kein Allheilmittel. Die Evidenzlage ist je nach Schmerztyp unterschiedlich stark.
  • Die Wirkstoffe THC und CBD greifen in das körpereigene Endocannabinoidsystem ein und beeinflussen so die Schmerzwahrnehmung.
  • Cannabis bei Schmerzen wird ärztlich verordnet und ist seit April 2024 auf einem normalen Rezept erhältlich, nicht mehr auf einem Betäubungsmittelrezept [1].
  • Gesetzlich Versicherte können unter bestimmten Voraussetzungen eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse beantragen. Seit Oktober 2024 entfällt der Genehmigungsvorbehalt für viele Facharztgruppen [2].
  • Die Dosierung bei Schmerzen ist individuell und wird ärztlich begleitet. Selbstmedikation ist nicht empfehlenswert.
  • Cannabis-Öl bei Schmerzen ist eine mögliche Darreichungsform neben Blüten und Extrakten.

Wie wirkt Cannabis bei Schmerzen?

Das menschliche Endocannabinoid-System ist ein Netzwerk aus Rezeptoren, das unter anderem Schmerzempfindung, Entzündungsreaktionen und Schlaf reguliert. Die Hauptwirkstoffe in medizinischem Cannabis, THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol), binden an diese Rezeptoren und beeinflussen so, wie das Gehirn Schmerzsignale verarbeitet [3].

THC wirkt dabei vor allem schmerzlindernd und entspannend. CBD hat entzündungshemmende Eigenschaften und kann die Wirkung von THC ausgleichen. Beide Wirkstoffe zusammen, wie in Vollspektrum-Extrakten, zeigen in Studien teils stärkere Effekte als isolierte Einzelsubstanzen.

Wichtig zu wissen: Cannabis lindert in vielen Fällen die Schmerzwahrnehmung und verbessert den Schlaf, heilt aber keine Grunderkrankung. Es handelt sich um eine symptomatische Therapie, die in ein Gesamtbehandlungskonzept eingebettet sein sollte.

Aktuelle Studienlage zu Cannabis bei Schmerzen

Die Evidenz für Cannabis bei chronischen Schmerzen ist vorhanden, aber unterschiedlich je nach Schmerztyp. Ein systematisches Review im British Medical Journal (2021) sowie das AHRQ Living Review (2024/25) kommen zu dem Ergebnis, dass cannabisbasierte Arzneimittel bei chronischen Schmerzen kleine bis moderate Verbesserungen bei Schmerz, Funktion und Schlaf erzielen können [4].

Eine Phase-3-Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Medicine, untersuchte einen Vollspektrum-Cannabisextrakt an 820 Erwachsenen mit chronischen Rückenschmerzen, bei denen herkömmliche Schmerzmedikamente zuvor nicht ausreichend gewirkt hatten. Die Forschenden, darunter ein Team der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Heidelberg, beobachteten eine klinisch relevante Schmerzreduktion [5].

Bei neuropathischen Schmerzen, also Nervenschmerzen, ist das Bild weniger eindeutig. Ein Cochrane Review kommt zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen zuverlässigen Nutzen bei dieser Schmerzform bisher nicht ausreichend belegt ist [6]. Das bedeutet nicht, dass Cannabis hier nicht helfen kann, sondern dass die Datenlage noch nicht für eine generelle Empfehlung ausreicht.

Laut der fünfjährigen Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden medizinische Cannabispräparate in mehr als drei Viertel der gemeldeten Fälle wegen chronischer Schmerzen verordnet [7]. Das zeigt, wie zentral dieses Anwendungsgebiet in der Praxis ist.

Cannabis bei Rheuma-Schmerzen: Ein Sonderfall?

Rheuma ist ein Sammelbegriff für über 100 verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparats. Viele Betroffene leiden unter chronischen Entzündungsschmerzen, die sich mit Standardmedikamenten nicht vollständig kontrollieren lassen.

Eine kanadische Publikation aus dem Jahr 2023 zeigte, dass der Einsatz von medizinischem Cannabis bei Rheumapatienten in der klinischen Routineversorgung doppelt so häufig war wie in der Allgemeinbevölkerung vergleichbaren Alters [8]. Gleichzeitig weist die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie darauf hin, dass es noch nicht genug belastbare Studien speziell für rheumatische Erkrankungen gibt und eine endgültige Empfehlung derzeit nicht möglich ist [8].

Für Betroffene bedeutet das: Cannabis bei Rheuma-Schmerzen kann im Einzelfall sinnvoll sein, erfordert aber eine sorgfältige ärztliche Einschätzung und Begleitung.

Cannabis-Öl bei Schmerzen: Eine von mehreren Optionen

Cannabis-Öl bei Schmerzen ist eine der gebräuchlichsten Darreichungsformen in der medizinischen Anwendung. Es enthält standardisierte Mengen an THC und/oder CBD und wird in der Regel als Tropfen unter die Zunge gegeben. Der Vorteil: Die Dosierung lässt sich gut anpassen, die Wirkung setzt nach 15 bis 45 Minuten ein.

Weitere Cannabis Anwendungsformen sind:

  • Getrocknete Blüten zum Inhalieren über einen medizinischen Vaporisator
  • Fertigarzneimittel wie Sativex (ein Mundspray) oder Dronabinol-Kapseln
  • Extrakte in standardisierter pharmazeutischer Qualität

Welche Form für Dich geeignet ist, hängt von der Erkrankung, dem Schweregrad der Schmerzen und individuellen Faktoren ab. Das entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Cannabis-Dosierung bei Schmerzen: Wie wird vorgegangen?

Die Dosierung bei Schmerzen folgt dem Prinzip „Start low, go slow": Mit einer niedrigen Dosis beginnen und diese schrittweise anpassen, bis eine ausreichende Wirkung bei möglichst geringen Nebenwirkungen erreicht ist [3].

Es gibt keine einheitliche Standarddosis. Die individuelle Dosierung hängt ab von:

  • der Art und Intensität der Schmerzen
  • dem THC- und CBD-Verhältnis des Präparats
  • der Darreichungsform
  • der persönlichen Verträglichkeit

Typische Startdosen bei THC-haltigen Präparaten liegen im Bereich von 2,5 mg THC täglich. Eine Selbstdosierung ohne ärztliche Begleitung ist nicht empfehlenswert, da zu hohe THC-Mengen Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit oder psychische Beeinträchtigungen verursachen können.

Cannabis-Schmerztherapie: Kosten und Kostenübernahme

Die Kosten für eine Cannabis-Schmerztherapie variieren je nach Präparat, Dosis und Apotheke. Für gesetzlich Versicherte ist die Kostenübernahme der Cannabis-Therapie durch die Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen möglich [2]:

  • Es liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor.
  • Andere Therapieoptionen haben nicht ausreichend geholfen oder sind nicht verträglich.
  • Eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht.

Seit Oktober 2024 entfällt der Genehmigungsvorbehalt für viele Facharztgruppen, darunter Allgemeinmediziner, Anästhesisten, Neurologen und Ärzte mit Zusatzqualifikation in spezieller Schmerztherapie. Das bedeutet: Diese Ärzte können Cannabis direkt zulasten der Krankenkasse verordnen, ohne vorher eine Genehmigung einholen zu müssen [2].

Für Privatversicherte gilt: Auch private Krankenversicherungen können zur Kostenübernahme verpflichtet sein, wenn herkömmliche Schmerztherapien nicht wirken. Das Landgericht Hamburg hat dies in einem Urteil bestätigt [9].

Wer die Kosten selbst trägt, zahlt je nach Präparat und Menge zwischen 100 und mehreren Hundert Euro pro Monat.

Mögliche Nebenwirkungen und Risiken

Cannabis ist kein risikofreies Mittel. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

  • Schwindel und Benommenheit
  • Müdigkeit
  • Mundtrockenheit
  • Übelkeit
  • Veränderungen der Stimmung oder Konzentration

Bei längerer Anwendung und höheren THC-Dosen können psychische Abhängigkeit und kognitive Beeinträchtigungen auftreten. Für bestimmte Personengruppen ist Cannabis nicht geeignet: Menschen mit einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte von Psychosen, Schwangere und Stillende sowie Personen unter 18 Jahren sollten Cannabis nicht anwenden [3][7].

Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich. Eine ärztliche Beratung ist daher vor Beginn jeder Cannabis-Therapie zwingend erforderlich.

FAQ: Cannabis bei chronischen Schmerzen

Für wen kommt Cannabis bei Schmerzen infrage?

Cannabis bei Schmerzen kommt vor allem für Menschen infrage, die an schwerwiegenden chronischen Schmerzen leiden und bei denen andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben oder nicht verträglich waren. Die Entscheidung trifft immer eine Ärztin oder ein Arzt.

Wie lange dauert es, bis Cannabis bei Schmerzen wirkt?

Das hängt von der Darreichungsform ab. Cannabis-Öl wirkt nach etwa 15 bis 45 Minuten, inhaliertes Cannabis nach wenigen Minuten. Kapseln und Tabletten benötigen bis zu zwei Stunden. Die volle therapeutische Wirkung stellt sich oft erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Anwendung ein.

Kann ich Cannabis bei Schmerzen einfach selbst kaufen?

Medizinisches Cannabis in pharmazeutischer Qualität ist nur auf ärztliches Rezept erhältlich. Selbstmedikation mit nicht zertifizierten Produkten ist aus medizinischen und rechtlichen Gründen nicht empfehlenswert.

Macht Cannabis bei Schmerzen abhängig?

THC-haltige Präparate können bei regelmäßiger Anwendung eine psychische Abhängigkeit erzeugen. Das Risiko ist bei medizinisch begleiteter, dosierter Anwendung geringer als bei unkontrolliertem Konsum, aber nicht ausgeschlossen. Eine regelmäßige ärztliche Kontrolle ist deshalb wichtig.

Hilft Cannabis-Öl auch bei akuten Schmerzen?

Cannabis-Öl ist primär für die Behandlung chronischer Schmerzen geeignet. Bei akuten Schmerzen, etwa nach Verletzungen, gibt es wirksamere und schneller verfügbare Optionen. Auch hier gilt: ärztliche Beratung zuerst.

Quellenverzeichnis

[1] Bundesministerium für Gesundheit: FAQ Cannabis als Medizin. Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/c/cannabis/faq-cannabis-als-medizin (Stand: November 2025)

[2] MYCANNABIS: Neuerungen für Cannabis im Jahr 2025. Online verfügbar unter: https://www.mycannabis.de/cannabis-regelungen-2025/

[3] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Medizinisches Cannabis. Online verfügbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/_node.html

[4] Stiftung Gesundheitswissen: Cannabis – Wissenswertes zu Wirkung und Anwendung. Online verfügbar unter: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/cannabis

[5] Karst M, Meissner W et al.: Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nature Medicine. Zusammenfassung verfügbar unter: https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/cannabisextrakt-zur-medikamentoesen-therapie-chronischer-rueckenschmerzen/

[6] Cochrane Deutschland: Wirksamkeit von Cannabis-basierten Arzneimitteln bei Nervenschmerzen unklar. Online verfügbar unter: https://www.cochrane.de/news/wirksamkeit-von-cannabis-basierten-arzneimitteln-bei-nervenschmerzen-unklar

[7] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 SGB V, 2022.

[8] Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh): Behandlung mit Cannabis sativa. Online verfügbar unter: https://www.dgrh.de/lesen/empfehlungen/komplementaere-ansaetze/cannabis-sativa/

[9] Landgericht Hamburg, Az. 337 O 109/22: Cannabis-Schmerztherapie – Private Krankenversicherung muss zahlen. Zusammenfassung verfügbar unter: https://onko-community.thieme.de/aktuelles/panorama/detail/cannabis-schmerztherapie-private-krankenversicherung-muss-zahlen-51582

Bilder:

© pexels.com

 

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