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Du liest: Cannabis bei neuropathischen Schmerzen: Was die Forschung zeigt

Neuropathische Schmerzen – also Schmerzen, die durch eine Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems selbst entstehen – gehören zu den am schwierigsten zu behandelnden Schmerzformen. Gleichzeitig sind sie einer der häufigsten Gründe, warum in Deutschland medizinisches Cannabis verordnet wird. Dieser Beitrag erklärt Dir, was neuropathische Schmerzen genau sind, wie Cannabinoide in Deinem Körper wirken können und – besonders wichtig – was die wissenschaftliche Evidenz hergibt und wo ihre Grenzen liegen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nervenschmerzen sind schwer behandelbar und ein häufiger Verordnungsgrund für medizinisches Cannabis.
  • Die Evidenz ist gemischt: moderate Effekte in Meta-Analysen, ein zurückhaltendes Cochrane-Fazit.
  • Kein Mittel der ersten Wahl – eine Option, wenn Standardtherapien nicht ausreichen oder nicht vertragen werden.
  • THC verändert oft eher die Bewertung des Schmerzes als seine reine Intensität.
  • Seit 10/2024 verordnen qualifizierte Fachgruppen ohne Genehmigungsvorbehalt; die Kostenübernahme bleibt aber Einzelfall.

Was sind neuropathische Schmerzen?

Anders als der klassische „Wundschmerz" nach einer sichtbaren Verletzung entsteht ein neuropathischer Schmerz durch eine Störung im schmerzverarbeitenden System selbst – also direkt in den peripheren Nerven, im Rückenmark oder im Gehirn. Typisch für diese Schmerzform sind:

  • Brennende, elektrisierende oder einschießende Empfindungen.
  • Begleitendes Kribbeln („Ameisenlaufen") oder Taubheitsgefühle.
  • Eine schmerzhafte Überempfindlichkeit gegenüber leichtesten Berührungen (Allodynie).

Häufige Ursachen sind unter anderem die diabetische Polyneuropathie (Nervenschäden durch Diabetes), Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose (Post-Zoster-Neuralgie), Nervenschäden nach Operationen oder Unfällen, Multiple Sklerose (MS) sowie eine durch Chemotherapie ausgelöste Nervenschädigung.

Wichtig für die Praxis: Ein typisches Kennzeichen dieser Schmerzform ist, dass klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol oft kaum oder gar nicht helfen. In der Schulmedizin behandelt man sie deshalb meist mit speziellen Wirkstoffgruppen wie bestimmten Antidepressiva oder Antiepileptika (Mittel gegen Krampfanfälle), die die Schmerzweiterleitung im Nervensystem dämpfen.

Wie könnte Cannabis bei Nervenschmerzen wirken?

Cannabinoide wie THC und CBD greifen in Dein körpereigenes Endocannabinoid-System ein. Dieses Netzwerk aus Rezeptoren ist unter anderem maßgeblich an der Schmerzverarbeitung beteiligt:

  • THC bindet an die CB1-Rezeptoren, die sich in großen Mengen auf den schmerzleitenden Nervenbahnen befinden. Es kann dort wie ein „Dämpfer" wirken und das Schmerzsignal abschwächen.
  • CBD interagiert unter anderem mit den CB2-Rezeptoren, die vor allem bei Entzündungs- und Immunprozessen eine Rolle spielen.

Aus diesem direkten biologischen Ansatzpunkt leitet die Forschung ihr großes Interesse an Cannabinoiden ab – gerade dann, wenn herkömmliche Therapien an ihre Grenzen stoßen. Ein reiner Wirknachweis für den Menschen ergibt sich aus diesem Labor-Prinzip allein aber noch nicht. Dafür braucht es klinische Studien.

Was zeigt die Studienlage? (Ehrlich eingeordnet)

Neuropathische Schmerzen gehören zu den am besten untersuchten Anwendungsgebieten von Medizinalcannabis. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind allerdings gemischt und zeichnen ein differenziertes Bild:

  • Kurzfristige Schmerzlinderung (Meta-Analyse): Eine Auswertung individueller Patientendaten zu inhaliertem Cannabis fand einen kurzfristigen schmerzlindernden Effekt. Rechnerisch musste etwa eine von sechs behandelten Personen therapiert werden, damit eine zusätzlich eine deutliche Schmerzlinderung erreichte („Number Needed to Treat" von ca. 6) [1].
  • Moderate Evidenz (JAMA): Eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal JAMA bewertete die wissenschaftliche Beweislast für die Linderung chronischer und neuropathischer Schmerzen immerhin als von moderater Qualität [2].
  • Zurückhaltendes Cochrane-Fazit: Der maßgebliche Cochrane-Review wertete 16 Studien mit 1.750 Teilnehmenden aus und bleibt skeptischer. Nur ein kleiner Anteil erreichte eine bedeutsame Schmerzlinderung (meist 10 bis 25 Prozent mehr als unter einem Scheinmedikament). Die Qualität der Evidenz wurde als niedrig eingestuft, und der mögliche Nutzen könnte durch Nebenwirkungen aufgewogen werden [3].
  • Geringe Evidenzstärke (Annals of Internal Medicine): Eine systematische Übersicht in den Annals of Internal Medicine kam ebenfalls zu dem Schluss, dass für den Nutzen bei neuropathischem Schmerz nur eine geringe Evidenzstärke vorliegt [4].
  • Deutschsprachige Übersicht: Eine systematische Übersicht im Fachjournal Der Schmerz bewertete Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabinoiden bei neuropathischen Schmerzsyndromen differenziert [5].

Einzelne kontrollierte Studien stützen einen Effekt – etwa zu gerauchtem Cannabis bei neuropathischem Schmerz [6] oder zu inhaliertem Cannabis bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie [7].

Was bedeutet das für Dich zusammenfassend?

Das Gesamtbild zeigt: Ein Teil der Betroffenen profitiert spürbar, ein anderer Teil kaum. Der durchschnittliche Effekt über alle Studien hinweg ist moderat und mit wissenschaftlichen Unsicherheiten behaftet. Cannabis ist kein universelles Wundermittel, kann aber eine wertvolle Behandlungsalternative sein.

Schmerzlinderung heißt nicht immer „Schmerz weg"

Ein wichtiger Unterschied zu klassischen Schmerzmitteln: Während etwa Ibuprofen den Schmerzreiz chemisch dämpft, verändert THC vor allem, wie das Gehirn den Schmerz bewertet. In einer Bildgebungsstudie an gesunden Freiwilligen senkte THC die empfundene Unannehmlichkeit des Schmerzes, ohne dessen reine Intensität zu verringern [8]. Viele Betroffene beschreiben genau das: „Der Schmerz ist noch da, aber er rückt in den Hintergrund und quält mich nicht mehr so." Dieses Entkoppeln von Schmerz und Leiden ist im Alltag oft ein großer Gewinn – von Studien, die nur die Schmerzstärke auf einer Skala von 0 bis 10 abfragen, wird es allerdings leicht übersehen. Zur Einordnung: Die genannte Studie wurde an Gesunden durchgeführt und lässt sich nicht unmittelbar auf die Behandlung übertragen.

Was heißt das für die Praxis?

Aus der gemischten Evidenz folgt kein pauschales Urteil, sondern eine individuelle Abwägung. In der Praxis kommt medizinisches Cannabis bei neuropathischen Schmerzen vor allem dann in Betracht, wenn etablierte Standardtherapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Es ist ausdrücklich kein Mittel der ersten Wahl und kein Ersatz für eine leitliniengerechte Schmerztherapie, sondern ein möglicher Baustein innerhalb eines ärztlich begleiteten Gesamtkonzepts. Die Entscheidung trifft die behandelnde ärztliche Fachkraft anhand von Vorgeschichte, Begleiterkrankungen und bisherigem Therapieverlauf.

In der Praxis: Darreichung und Eindosierung

Blüten oder Extrakt?

Bei chronischen Nervenschmerzen wird in der Praxis häufig zunächst mit oralen Extrakten (Tropfen) statt mit inhalierten Blüten gearbeitet – aus einem pharmakologischen Grund:

  • Orale Extrakte fluten langsam an, wirken dafür aber über mehrere Stunden. Das sorgt für einen gleichmäßigeren Wirkstoffspiegel über Tag oder Nacht – günstig bei einem Dauerschmerz.
  • Inhalation wirkt rasch, klingt aber nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder ab. Dieses „Auf und Ab" eignet sich eher für akute Schmerzspitzen (Durchbruchschmerzen) als für die Dauertherapie.

Welche Darreichungsform sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde ärztliche Fachkraft. Einen Überblick geben die Ratgeber zu den Anwendungsformen und zur Dosierung.

„Start low, go slow"

Viele Patientinnen und Patienten haben Sorge vor einem „High" oder vor Nebenwirkungen wie Schwindel. Diese Sorge nimmt das in der Cannabis-Medizin übliche Vorgehen „Start low, go slow": Man beginnt mit einer sehr niedrigen Dosis – häufig wenigen Tropfen Extrakt am Abend – und steigert sie langsam über Tage bis Wochen, bis eine spürbare Schmerzlinderung eintritt, möglichst bevor störende psychoaktive Effekte auftreten. Diese langsame Eindosierung erfolgt immer ärztlich begleitet.

Nebenwirkungen und Risiken im Blick

Die möglichen unerwünschten Wirkungen von Cannabis sind in klinischen Studien gut dokumentiert und hängen stark von der jeweiligen Dosierung ab.

Häufige Nebenwirkungen Seltene Nebenwirkungen Wichtige Alltagsrisiken
Schwindel, Müdigkeit/Sedierung, Mundtrockenheit, vorübergehende Konzentrationsschwächen Psychische Effekte wie innere Unruhe oder Angst Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten; eingeschränkte Fahrtüchtigkeit

Gut zu wissen: Im maßgeblichen Cochrane-Review brachen spürbar mehr Teilnehmende die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab als in der Placebo-Gruppe [3]. Einen tieferen Überblick geben die Ratgeber Cannabis und Wechselwirkungen sowie Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis.

Verordnung und Kostenübernahme in Deutschland

In der Begleiterhebung des BfArM zählten chronische und neuropathische Schmerzen zu den häufigsten Verordnungsgründen für medizinisches Cannabis [9]. Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis über das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) geregelt und gilt nicht mehr als Betäubungsmittel – es wird auf einem normalen (elektronischen) Rezept verordnet.

Wichtig ist der Unterschied zwischen Verschreibung und Kostenübernahme: Ein Rezept bedeutet nicht automatisch, dass die gesetzliche Krankenkasse zahlt. Ein Anspruch besteht nach § 31 Abs. 6 SGB V bei schwerwiegenden Erkrankungen, wenn Standardtherapien ausgeschöpft oder nicht verträglich sind. In der Praxis lehnen die Kassen dennoch einen erheblichen Teil der Anträge ab; chronische und neuropathische Schmerzen gehören aber zu den Indikationen mit vergleichsweise guten Bewilligungschancen. Eine Erleichterung kam hinzu: Seit dem 17. Oktober 2024 können Ärztinnen und Ärzte bestimmter Fachrichtungen – darunter Neurologie, Anästhesiologie und die spezielle Schmerztherapie – Cannabis ohne vorherigen Genehmigungsvorbehalt der Krankenkasse verordnen. Wer nicht auf eine Kassenentscheidung warten möchte, kann alternativ ein Privatrezept nutzen und die Ware selbst zahlen. Details dazu in den Ratgebern Cannabis bei der Krankenkasse und Cannabis auf Privatrezept. Ob im Einzelfall Blüten, Extrakte oder ein standardisiertes Fertigpräparat sinnvoll sind, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt; Grundlagen bietet der Ratgeber zu medizinischem Cannabis.

FAQ: Cannabis bei neuropathischen Schmerzen

Hilft Cannabis verlässlich gegen Nervenschmerzen?

Die Studienlage ist gemischt. Während einige Meta-Analysen im Durchschnitt einen moderaten, lindernden Effekt zeigen, bewertet der maßgebliche Cochrane-Review die wissenschaftliche Beweiskraft als eher niedrig. Die Realität zeigt: Ein Teil der Betroffenen profitiert spürbar, ein anderer kaum. Eine allgemeine Wirksamkeitsgarantie gibt es nicht.

Ist Cannabis ein Mittel der ersten Wahl bei neuropathischen Schmerzen?

Nein. In der Regel kommt es erst dann als Behandlungsalternative ins Spiel, wenn etablierte First-Line-Medikamente (wie bestimmte Antidepressiva oder Antiepileptika) versagt haben oder zu starken Nebenwirkungen führen. Es ist immer Teil eines ärztlichen Gesamtkonzepts.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Zu den häufigsten Begleiterscheinungen gehören Schwindel, Müdigkeit, ein trockener Mund und vorübergehende kognitive Einschränkungen. In klinischen Studien brachen Patientinnen und Patienten die Cannabis-Therapie wegen solcher Nebenwirkungen häufiger ab als unter einem Scheinmedikament (Placebo).

Wirkt CBD allein gegen Nervenschmerzen?

Die allermeisten Studien, die einen schmerzlindernden Effekt nachweisen konnten, nutzten THC-haltige Präparate oder ausgewogene THC/CBD-Kombinationen. Für eine reine CBD-Monotherapie bei neuropathischen Schmerzen ist die wissenschaftliche Datenlage derzeit deutlich schwächer.

Wie bekomme ich medizinisches Cannabis bei Nervenschmerzen?

Der Weg führt über eine ärztliche Einzelfallprüfung und ein anschließendes Rezept, das Du in einer Apotheke einlöst. Einen automatischen oder gesetzlichen Anspruch auf eine Verordnung gibt es jedoch nicht.

Quellen:

[1] Andreae MH, Carter GM, Shaparin N, Suslov K, Ellis RJ, Ware MA et al. (2015). Inhaled cannabis for chronic neuropathic pain: a meta-analysis of individual patient data. The Journal of Pain 16(12):1221–1232. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[2] Whiting PF, Wolff RF, Deshpande S et al. (2015). Cannabinoids for medical use: a systematic review and meta-analysis. JAMA 313(24):2456–2473. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[3] Mücke M, Phillips T, Radbruch L, Petzke F, Häuser W (2018). Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018(3):CD012182. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[4] Nugent SM, Morasco BJ, O'Neil ME et al. (2017). The effects of cannabis among adults with chronic pain and an overview of general harms: a systematic review. Annals of Internal Medicine 167(5):319–331. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[5] Petzke F, Enax-Krumova EK, Häuser W (2016). Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabinoiden bei neuropathischen Schmerzsyndromen. Der Schmerz 30(1):62–88. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[6] Ware MA, Wang T, Shapiro S et al. (2010). Smoked cannabis for chronic neuropathic pain: a randomized controlled trial. CMAJ 182(14):E694–E701. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[7] Wallace MS, Marcotte TD, Umlauf A, Gouaux B, Atkinson JH (2015). Efficacy of inhaled cannabis on painful diabetic neuropathy. The Journal of Pain 16(7):616–627. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[8] Lee MC, Ploner M, Wiech K et al. (2013). Amygdala activity contributes to the dissociative effect of cannabis on pain perception. Pain 154(1):124–134. Online verfügbar über: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

[9] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Begleiterhebung zu Cannabis-Arzneimitteln. Online verfügbar unter: https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/_node.html

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